Soweit ich die Geschichte meiner Wünderich-Vorfahren bisher erforschen konnte, stammen sie aus dem Dorf Recklingsen, das heute ein Ortsteil von Welver Krs. Soest ist. Über Jahrhunderte blieb die Familie auch beim Heiraten der Soester Börde zwischen Lippe und Hellweg treu. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eröffneten Bergbau und Eisenbahn als Arbeitgeber den nachgeborenen Söhnen der bäuerlichen Familien neue Chancen, nachdem sie bis dahin meist ihr Auskommen als Knechte des ältesten Bruders und alleinigen Erben oder als Tagelöhner hatten suchen müssen. Das alte sächsiche Erbrecht, das Hof und Scholle ungeteilt ließ, sorgte so zwar für dauerhafte Strukturen (manchmal über anderthalb Jahrtausende), allerdings auf dem Rücken der Nachgeborenen.
Die Heirat meines Ahnen Bernhard Wünderke (Wünderich) mit Engel Pankuch (an anderer Stelle Pannekauk) am 11. Januar 1759 in der evangelischen Kirche in Welver ist derzeit die älteste Aufzeichnung der Familie Wünderich, die mir bekannt ist. Seine Herkunft ist noch ungeklärt. Ich halte es heute aber nicht für ausgeschlossen, dass er einer katholischen Familie aus der Gegend lippeaufwärts entstammen könnte. Dies wird sich noch erweisen müssen. 1769 baute er jedenfalls gemeinsam mit seiner Frau das Haus, das noch heute steht und von den Wünderich-Nachkommen Kieserling bewohnt wird. Der alte Deelenbalken, von dem ich nicht weiß, ob er nicht mehr vorhanden oder nur durch eine neue Fassade verdeckt ist, gab als prächtiges Schaustück des schwarz-weißen Fachwerkhauses über zweihundert Jahre lang Zeugnis:
Bernd Wünnerckes Sohn Johann Wilhelm Diedrich (1762-1836), verheiratet mit Clara Catharina Elisabeth Helmig aus Recklingsen, und sein Enkel Johann Henrich Diedrich (1801-1887), verheiratet mit Clara Maria Rudack aus dem benachbarten Berksen (siehe auch Webseite von Klaus Rudack), bewirtschafteten den Kotten weiter. Erst mein Vorfahre der nächsten Generation, Franz Georg Heinrich Wilhelm (1840-1890), verheiratet mit Louisa Wilhelmina Elisabeth Vollmerich aus Norddinker, war als viertes Kind und dritter Sohn auf einen anderen Lebensunterhalt angewiesen. Er ging, vermutlich um 1860, als Bergmann nach Schüren und arbeitete später, wie auch sein zwei Jahre jüngerer Bruder Fritz, bei der Eisenbahn im Raum Dortmund. Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein kamen übrigens viele Eisenbahner in der rasch wachsenden Kohle- und Stahlstadt Dortmund aus der Soester Börde.
Mein Urgroßvater Friedrich ("Fritz") Diedrich Christian Bernhard Wünderich (1870-1953), verheiratet mit Ida Weeke (1871-1961) aus Aplerbeck, war der älteste Sohn unter den sieben Kindern von Franz Georg Heinrich Wilhelm. Er wurde in Norddinker geboren, im Elternhaus seiner Mutter, und verbrachte einen Teil seiner Kindheit und Jugend beim Großvater in Recklingsen. Bis ins hohe Alter fuhr er immer sehr gern nach Recklingsen, wo inzwischen seine jüngere Schwester Henriette ("Jette") verh. Kieserling mit ihrem Mann den Hof bewirtschaftete.
Mein Urgroßvater ging ebenfalls zur Reichsbahn, wie sie inzwischen hieß, und begann als Rottenarbeiter. Durch Strebsamkeit stieg er - worauf seine Tochter, meine Großmutter, stets große Betonung legte - zum "mittleren Beamten" auf. Als er 1935 pensioniert wurde, war er Reichsbahnsekretär und Bahnhofsvorsteher in Dortmund-Aplerbeck (Süd). Aus seiner Zeit bei der Bahn gibt es ungezählte Anekdoten. Ich war fünf Jahre, als mein Urgroßvater 1953 starb. Bis auf die letzten Tage im Krankenhaus "Bethanien" in Dortmund-Hörde war er bis ins hohe Alter stets gesund und rüstig gewesen, und ich habe manche schöne Erinnerung an ihn. So durfte ich ihm, wenn ich zu Besuch bei den Urgroßeltern in Aplerbeck war, stets "helfen", wenn er in seinem Kellerraum am Dreifuß mit Messer, Schusterhammer und Ahle, mit Garn, Pech, Holznägeln und Stahlnägeln hantierte und Schuhe reparierte. Nur still musste ich sein. Und auch in seinen Garten an der Schweizer Allee durfte ich mit.
Die Ehe meiner Urgroßeltern Wünderich war mit zehn Kindern gesegnet, vier Jungen und sechs Mädchen. Doch alle vier Söhnchen und ein Töchterlein starben, bevor sie ein Jahr alt geworden waren. Die älteste der verbliebenen fünf Töchter war meine Großmutter Friederike Lehmkühler. In meiner Ahnenreihe ist sie die mir am nächsten stehende Wünderich. Da sie schon als 30-Jährige Witwe mit vier kleinen Kindern war, unversorgt und ohne Rente, gab sie schweren Herzens ihren Ältesten, meinen Vater, zu ihren Eltern, wo er aufwuchs, bis er 1939 zum Arbeitsdienst musste und kurz darauf zur Wehrmacht eingezogen wurde. Und auch die erste Wohnung nach ihrer Heirat 1946 bestand für meine Eltern in einem Zimmer in der Wohnung meiner Urgroßeltern Wünderich in Aplerbeck, Ruinenstraße 37a. Der Kontakt zur Wünderich'schen Verwandtschaft blieb bis zum Tod der Urgroßeltern und der Großtanten immer eng und herzlich. Der Anbau an die alte Georgskirche, in dem sich die Wohnung befand, wurde Ende 1970er/Anfang 1980er Jahre abgerissen.